Glücksmoment sticht Frustration

Das Rofan- und Karwendelgebirge waren mal mein zweites Wohnzimmer. Ich hätte mich niemals in eine Gondel gesetzt. Ich bin von ganz unten bis ganz oben gewandert und wieder retour. Das Schönste war immer nach Stunden zu Fuß den Gipfel zu erreichen und dann diesen atemberaubenden Blick über die Berge zu bekommen.

Seit vielen Jahren war ich nicht mehr in den Bergen, weil ich nicht mehr so wandern konnte und kann wie früher und das frustrierte mich. Und wenn das nicht mehr geht, dann mache ich es auch nicht,so! Doch ich habe mein Denken in den letzten Jahren langsam, ganz langsam, immer mehr geändert. Ich suche mir Alternativen und bin trotzdem aktiv, anders aktiv. Aber mit den Bergen das ist irgendwie etwas anderes. Diese Erinnerung steckt so tief in mir und hier gab es für mich einfach keine Alternative.

Diese Sehnsucht war dieses Jahr so stark, dass ich mir selbst gesagt habe: fahr mit der Gondel nach oben und wenn du ein kleines bisschen wandern kannst, egal wie lahm du bist, dann mach das doch. Gedacht – getan. Ich war für ein längeres Wochenende im Rofan- und Karwendelgebirge. Es war anfangs leider mega frustrierend, weil ich ständig an früher erinnert wurde, aber es machte mich auch glücklich und ich weinte auf dem Berg, weil es mich so stark emotional bewegt hat. Ich weiß gar nicht warum die Tränen flossen. Das war sicherlich eine Mischung aus dem Gedanken an die MS, was ich nicht mehr kann (so wie früher), aber auch was ich noch kann und dass man raus muss. Man muss die Welt weiter erleben, aber eben anders. Dann passieren Abenteuer und man lernt sich wieder besser kennen, vor allem wo die eigenen Grenzen liegen und die Messlatte ist jetzt eine andere.

Und nun saß ich in den Bergen und schaute übers Land und fühlte mich unendlich glücklich, doch im nächsten Moment wieder traurig, weil ich die Vergangenheit nie wieder zurückbekomme. Dafür müsste ein Wunder geschehen. Wie hat Katja Ebstein so schön gesungen „Wunder gibt es immer wieder“. Naja ich kann ja das Lied im Kopf trällern und mich weiter freuen, dass ich endlich mal wieder in den Bergen war.

Freundschaft wertvoller als Gold

Ganz traurig bin ich davon ausgegangen, dass ich diese kleine Reise allein mache, weil ich für alle Anderen viel zu langsam bin und ständig Pausen brauche. Aber ich habe die Rechnung nicht mit Yvonne gemacht, die in meinen Augen eine „Extremwanderin“ ist, die auch bald nach Peru fährt zum wandern. Ich habe ihr davon erzählt und sie sagte zu mir „ich mach das mit dir“. Ich könnte schon wieder heulen, ach was schreib ich da, ich mache es gerade. Ich glaube ich habe das Leben von Yvonne entschleunigt in diesen Tagen (was bei ihrem Arbeitspensum vielleicht gar nicht schlecht war – quasi eine Win-Win-Situation).   🙂

Wir sind die Gondel hochgefahren und dann ging er los der erste kleine Wanderweg. Was habe ich gegrinst und gar nicht daran gedacht, aufzugeben, weil das Laufen nach oben und wieder runter doch ermüdend und sehr anstrengend war. Ich trällerte „Das wandern ist des Müllers Lust“ und „Biene Maja“ und fühlte mich als würde ich gar nicht woanders sein wollen in diesem Moment. Bis mein linkes Bein, bzw. mein linker Fuß, immer öfter eine Pause brauchten. Ich hatte vor dem Ausflug in die Berge meine Kondition trainiert und hätte nicht gedacht, dass ich am ersten Tag 2,7 km laufe und am zweiten 3,5 km. Das hat mich selbst sehr beeindruckt und hat mir wieder einmal gezeigt, man sollte in Bewegung bleiben und auch zuhause seine Muskeln trainieren, damit die nicht verloren gehen und man kann, für seine eigenen Verhältnisse, seine Leistung steigern.

Alleine hätte ich es definitiv nicht machen können, weil ich hin und wieder Yvonnes Arm brauchte um eine bessere Rückmeldung für mein Gleichgewicht zu bekommen. Nach der ersten Wanderung am ersten Tag folgte am nächsten Tag die zweite und das war ein richtiges Abenteuer mit starkem Regen, steilen Anstiegen, sehr mobilen Ausgehschläppchen-tragenden Rentnern, die mich überholten, kein „ich renne mal schneller den Berg hoch, damit ich nicht nass werde“ und eine schiefe Hüfte, die sich eine ganze Weile nicht zurückbiegen lies. Wir wurden bis zur Unterhose nass und die Pausen wurden beim letzten steilen Anstieg immer häufiger.

Wie sagt man so schön: der Weg ist das Ziel. Überanstrengung ist natürlich eine sehr zu beachtende Geschichte bei der MS, doch mit den vielen Pausen hielt sich eine sehr starke Überanstrengung in Grenzen und darüber bin ich sehr froh.

Kaiserschmarrn und Muh

Eine Kaiserschmarrn-Belohnung war genau das Richtige, dann fühlt sich alle Anstrengung nur noch halb so schlimm an und wenn manche Tiere extra stehen bleiben, damit du ein Foto machen kannst, was will man denn mehr? Als ich da saß und über das Land schaute wusste ich wieder was mir die ganze Zeit gefehlt hat. Und mit all den schönen Erinnerungen, dass ich all diese Berge im Rofan- und Karwendelgebirge mal hochgerannt bin, saß ich da zufrieden und glücklich und freute mich, was ich da gemacht habe. Das Leben ist so schön und ich kann trotz meines Handicaps mit dem Laufen immer noch viele Dinge erleben und genießen.

Der Weg bis zu dieser Einstellung war sehr, sehr lang und hat mich selbst so mürbe gemacht, dass es für mich keinen anderen Weg gab, als zu sagen „das Leben bleibt schön und es geht alles, aber eben jetzt anders“. Und manchmal hat man kleine Rückschläge und kein MSler weiß, was die Zukunft bringt, aber ich gehe meinen Weg und ich werde weiter die Welt erleben und genießen, auch wenn die Aktivitäten von Damals definitiv nicht mehr dieselben sind wie das Heute. Eine 70jährige kann auch nicht mehr das, was sie früher alles konnte und manches was ich mit meinen 43 mache, das machen manch Junge nicht.

Ich bin überglücklich, dass ich diese kleine Reise, dieses kleine Abenteuer, gewagt habe. Ich bin überglücklich, dass es Yvonne gibt und ich hoffe, dass unsere Freundschaft bis weit übers Altersheim hält. Ich bin glücklich, dass ich diesen Blog habe und noch glücklicher bin ich, dass ich manchmal so ein kleines Kind in meinem Herzen geblieben bin.

Ich bleibe wie immer neugierig und ich kann ja schonmal verraten: Mitte Oktober fahre ich segeln. Da bin ich echt gespannt wie das wird. Zum Glück kann ich schwimmen, falls ich mit meinem bezaubernden Gleichgewichtssinn über Bord gehen sollte 😉

3 Gedanken zu „Glücksmoment sticht Frustration

  1. Marc

    Ich hab’s Dir schon mal gesagt: Du bist voll das Tier, Dany!!! Super, dass Du das durchgezogen hast. Ich musste auch ein bisschen weinen. Du bist mutig und machst Mut!!!

    LG
    Marc

  2. Roland aus Wiesbaden

    Heute noch mal zu machen, was man von früher gut kennt, ist immer eine emotionale Gratwanderung. Ich wüsste nicht, ob ich mit einem „dazugewonnen Handicap“ den Mut aufbrächte überhaupt aufzubrechen. Das ist schon toll.
    Und zu was müsste ich Uneingeschränkter eigentlich aufbrechen, wenn ich es Dir gleich tun wollte…
    Food for thought!

    p. s. Die Bilder sind auch nicht schlecht

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